Von Caracas aus sind Kathi und ich entgegen unserer anfänglichen Idee, in den Ort mit dem anziehenden Namen „El Dorado“ zu fahren, zunächst nach Ciudad Bolívar gereist. Das liegt auf dem Weg nach Brasilien noch vor El Dorado. Weil
Venezuela uns bislang so gut gefallen hatte, hatten wir uns entschieden, noch ein paar mehr Zwischenstopps einzulegen. Wir hatten gut daran getan, denn Ciudad Bolívar hielt die bislang prägendsten Erlebnisse für uns bereit.Angekommen in der schönen, bunten Stadt, orientierten wir uns gleich zur Plaza Central hin. Das ist in lateinamerikanischen Städten meist das Einfachste: erst zu diesem Hauptplatz, erstmal ankommen und dann weiterschauen. Viele der für Reisende interessanten Dinge liegen ohnehin meist rund um die Plaza.
Auf der Plaza angekommen ist Kathis Sextanerin-Bläschen kurz vor dem Platzen. Die Kneipe an der Ecke verspricht Erlösung. Dummerweise nur in unserem Bild von guten Eckkneipen, wo man morgens um sieben schon/noch ein kühles Blondes bekommen kann. In diesem speziellen Fall ist das Klo fataler Weise gerade kaputt.
Als Kathi mit entsprechend verzogenem Gesichtsausdruck zurück auf die Plaza kam, lief ihr ein älterer Herr hinterher. Er hatte das kleine Problemchen erkannt und kannte auch die Lösung. „Ich wohne hier gleich ums Eck, wenn ihr gerade mitkommen wollt, kann die Kleine bei mir auf Klo gehen.“ Wir haben dankend angenommen. Kathi war gerettet und wir durften uns den Morgen dort aufhalten und uns auf den gerade erst anbrechenden Tag vorbereiten. Irgendwann musste der nette Herr zur Arbeit und seine Frau nahm sich unserer an, zeigte uns den riesigen Garten mit dem ganzen Obst, das wir in Deutschland nur von Multivitaminsaft-Packungen kennen. Wir kamen ins Gespräch bis sie schließlich auf die Idee kam, uns die Töpferschule zu zeigen, wo sie lernte, Ton aus dem Fluß in schöne Vasen zu verwandeln.
In der Töpferschule trafen wir Doña Rosa und drei ihrer jungen Schülerinnen.
Rosa ist, genau wie unsere Gastgeberin, blühende Anhängerin von Hugo Chávez, dem „linkspopulistischen“ Präsidenten von Venezuela. Chávez ist einer von 3 Gründen, weswegen Bush noch eine zweite Achse des Bösen längs durch Lateinamerika gezogen hat (die anderen beiden Gründe heißen Fidel Castro und Evo Morales, der ehemalige Coca-Bauer, der heute Präsident Boliviens ist). Wir haben eine ausführliche Unterrichtsstunde in politischer Bildung erhalten und erfahren, dass Chávez zwar sehr links, aber kein Populist ist. Er hält, was er verspricht und ohnehin verspricht er gar nicht viel. Eigentlich nur
Essen und Bildung für alle. Ansonsten macht er den Leuten klar, dass vieles an ihnen selber liegt. Wenn alle nur versuchen, möglichst viel Profit für sich selbst anzuhäufen, wird sich nie etwas ändern. Und so, sagt
Rosa, fangen die Leute an, sich auch für das Wohl der Community zu interessieren.
Wir sind jedenfalls nach dem feurigen Monolog ausreichend indoktriniert und sind nun zumindest eingefleischte Anhänger, wenn nicht gar Jünger Chávez’. (Sympatisant war ich ja schon, allein weil Bush ihn hasst und für seine wortwitzigen Reden, in denen er frei heraus sagt, was er denkt.
Den meisten Rest vom Tag haben wir damit verbracht, die Farbenvielfalt des Ortes zu bestaunen. Jedes Haus ist in einer anderen Farbe gestrichen und ich meine nicht diese bleichen Pastelltöne mancher Einfamilienhäuser in manchen deutschen Vororten. Richtige Farben, so als hätte Andy Warhol sich mal so richtig an den alten Kolonialbauten ausgetobt.
Irgendwie hat es sich ergeben, dass wir abends dann bei dem netten alten Herrn und seiner Frau übernachten konnten. Er wies uns ein Plätzchen in dem Raum zu, wo er einen Schrein aufgebaut hatte.
Dort stand ein kleiner schwarzer Kerl mit einem riesigen Dolch unter dem Arm. Drumherum allerlei Zeug, wie ein kleines Beilchen, eine Rassel, Blumen und Kerzen. Darüber auf einem Vorsprung in der Wand standen dann Maria und andere heilige Leute und noch mehr Kerzen und Blumen. Wir wir erfuhren gibt es Geister in dem Haus. Die Hausherren kommunizieren über das kleine schwarze Männeken mit ihnen. Der nette alte Herr meinte “Von so was versteht ihr nichts, oder?” Ich erklärte ihm, dass es schon Schamanen und so in Deutschland gibt und als ich ausholen wollte um ihm zu erkläre, dass ich offen bin für solche Denkweisen nur, dass es sehr schwer ist, mich damit zu erreichen, hielt er
mich am Arm und sagte, ich solle ganz schnell mit den Augen flimmern. Ich tat wie geheißen. Auf Kommando “Stopp” öffnete ich die Augen ganz, er schaute hinein und erklärte mir, dass mein linkes Auge verrät, dass ich noch ein irgendein kleines Problemchen auf dieser Reise bekommen werde. Nichts grossartiges, ich soll nur vorbereitet sein. Auf einmal erreichte mich die Metaphysik dann doch! Mir wurde schon ein Bisschen anders. In Kathis Augen ist zu lesen, dass sie irgendetwas von zu Hause mitbringt, irgendeine Sorge. Auch nichts grosses. Wir vermuten, dass es die Sorge um die eine Klausur ist, die Kathi kurz vor der Abreise geschrieben hat und wo sie sich nicht sicher war, ob sie durch ist oder nicht. Oder möglicherweise ist es die lange Zeit, die sie von Philipp getrennt sein wird.
Naja, nach einem schoenen Abend unter Palmen schliefen trotz aller Geister und Weissagungen sehr gut unter dem kleinen schwarzen Mann.



